Eine Weltbeschreibung

Raumambivalanzen der drugtales

Im Rahmen des gemeinsamen Ausstellungsprojekts Bilder der Stadt kartieren fielen mir Veronika Suschnigs filigrane Zeichnungen erstmals auf. Ihr Masterprojekt Measuring Identity und ihr Interesse an Georges Perecs Schriften, insbesondere das Buch Träume von Räumen, nach dem sie eine Installation benannte, vertiefte den Austausch. In diesem Buch schafft es der Autor, ausgehend von einer Textzeile auf einem Blatt Papier, über das Bett und das Zimmer, die ganze Wohnung zu erschliessen, daraus eröffnet sich eine träumerische Reise in das Mietshaus, das Viertel, die Strasse, die Stadt, das Land, die Welt und schliesslich in den Raum. Auf der Suche nach einer angemessenen Repräsentation für diese Raumtheorie wird ständig die Perspektive geändert. In ähnlicher Weise beschreiben (Welt-)Karten, die oft auf ein und derselben Oberfläche verschiedene Maßstäbe enthalten, den Raum immer als fragmentarisches Gebilde.

Der Raum ist ein Zweifel: ich muß ihn unaufhörlich abstecken, ihn bezeichnen; er gehört niemals mir, er wird mir nie gegeben, ich muß ihn erobern.
Georges Perec: Träume von Räumen, 2013/1974

Veronika Suschnigs Werke arbeiten sich am Raum ab, ob flache Reliefs oder tiefe Flächen, schwankend zwischen verschiedenen Maßstäben. In einer Druckgrafik balancieren kopflose Figuren über verzweigte Wurzeln, dichte Schraffuren schaffen zunächst Plastizität, aber die Figuren sind flach, ausgeschnitten aus Papier und die gesamte Zeichnung schwebt abgehoben über dem papiernen Hintergrund. Die räumlichen Ambivalenzen, die sich die Künstlerin in ihren grafischen Arbeiten zu eigen macht, sprechen auch aus den, auf runde Spiegel gedruckten Röntgenbildern von menschlichen Organen, ein dunkel wabernder wolkiger Raum, der ins Innerste blicken lässt. Die mehrschichtige Bedruckung der opaken hellgrünen Gipskartonplatten, die typischerweise in Nassräumen verwendet werden, suggeriert eine Überlagerung von Bildern auf der Wandfläche, wie aufflackernde Erinnerungen an ein Geschehen in diesem Raum. Ein wichtiges Motiv der Ausstellung, leere Tablettenpackungen, treten ins Bild. Unzählige leere Tablettenblister, die dicht an dicht und weiß lackiert eine Megastruktur entstehen lassen, die dem Stadtplan einer futuristischen Stadt ähnelt. Doch die Oberfläche ist nicht perfekt und glatt, sondern geknickt, verbraucht, vernarbt. Während der Blick der seriellen Ordnung folgt, denken wir darüber nach, wie lange es wohl gedauert hat, diese vielen Tabletten zu verbrauchen, und welche Diagnosen in dieser Struktur verwoben sind.

Durch die Treppenhäuser huschen die flüchtigen Schatten all derer, die eines Tages da waren.
Georges Perec: Das Leben Gebrauchsanweisung, 2011/1978

Die Arbeiten von Veronika Suschnig spiegeln zugleich Struktur und Empathie. So wie die systematisch im Raster arrangierten Rosendornen auch den Schmerz mitschwingen lassen. Ihre künstlerische Methode lässt Raum für Erzählungen oder Erinnerungen vom allernächsten Detail bis ins Fernste. Wiederum kann eine Analogie zu Georges Perec gesehen werden, der in seinem Roman Das Leben Gebrauchsanweisung versucht, ein komplexes Portrait der Welt anhand der bildhaften Beschreibung jeder einzelnen Wohnung eines Pariser Mietshauses zu erstellen. Projektionen und Verzerrungen helfen uns, auf engstem Raum die Welt darzustellen – und auch ihre Nachbilder zu ertragen.

Antje Lehn