Zweitausend Stacheln in der Seele

Besprechung der Ausstellung Drugtales

Betritt man den Raum, empfängt einen scheinbare Sterilität. Weiß als dominierende Farbe. Die Assoziation zur kühlen und doch versprechenden Atmosphäre eines Krankenhauses, gleich hergestellt. Dennoch ist es kein Unwohlsein, das sich einstellt, vielmehr sind es bestimmte Schlüsselreize, die das Auge auf sich ziehen, Wiedererkennbarkeit schaffen, eingebettet in ein Referenzsystem: das der Medizin. Fast poetisch heben sich pastellfarbene Flächen vom vorherrschenden Weiß ab, spielerisch durchbrechen sie das nüchtern Klinische, und sind doch zugleich immer ein Verweis auf dieses. Veronika Suschnig konzentriert sich in ihrer Farbwahl auf jene klassischer Krankenhausdienstkleidung, dumpfes Mintgrün, vertraut aus den bereits narkosegeschwängerten Momenten im Operationssaal. Ein sattes Babyblau als Erkennungsmerkmal junger Götter in Weiß, ein zartes Rosa für das pflegende Personal. Es fällt schwer, hier nicht auch einen geschlechter- und hierarchiekritischen Ansatz mitzulesen. Auch in ihrer Materialauswahl bedient sich die Künstlerin dem scheinbar Alltäglichen. Geleerte Pillenblister und Krankenhauskittel treten dabei über die zweidimensionale Oberfläche hinaus, erweitern den Bildraum und generieren somit auch eine haptische Erfahrbarkeit für den Betrachter, die von einer Allgegenwärtigkeit und Verfügbarkeit medizinischer Einwirkungen erzählt.

Diesem Narrativ hat sich auch die dreiteilige Arbeit This will make you love again verschrieben. In dem Siebdruck-Triptychon in markantem Grün erzählt Suschnig die Geschichte einer zerbrochenen Seele, die Chronologie einer verletzten Psyche und dem verzweifelten Versuch nach Linderung. In zunehmend chaotischer Ordnung schieben sich Tablettenhüllen und Latexhandschuhe über die Szenerie, der Mensch als souveränes Wesen verschwindet zusehens, ein klaffender Spalt in der Oberfläche lässt den tiefen Riss vermuten, der nun von innen nach außen dringt, unübersehbar wird. Suschnig versteht es hier, das verwendete Material, scheinbar billige Gipskartonplatten, wie sie oft im Krankenhaus- und Sozialbau Verwendung finden, in seiner gegebenen Beschaffenheit aufzugreifen und mit einer doppelten Bedeutung zu belegen.

Auch im fast schon installatorisch anmutenden Werk Turnus werden die Bedeutungen dem Material regelrecht eingedrückt, gleichzeitig aber auch über dieses ausgedrückt. Wie eine leere Hülle hängt der blaue Turnuskittel im Raum, beinahe frei schwebend erzählt er in seiner Vergessenheit von der Anonymität des Systems, in dem die Akteure hinter ihrer Funktion verschwinden und der Patient mit seiner persönlichen Geschichte zu einem Punkt auf einer Klemmbrettliste verkommt. Erweitert wird die Arbeit durch abgeschöpfte Kittelfetzen, durch leere Pillenblister in Form gebracht, kann dies als Metapher für ein Verschmelzen von Mensch und Maschinerie verstanden werden.

Der Raum erweitert sich gegenüberliegend, öffnet sich in seiner weiß-rosa Gestaltung, ohne dabei kitschig oder verspielt zu wirken. Vorherrschend sind hier drei Großformate, die durch Struktur und Dreidimensionalität beeindrucken und dennoch von erfrischender Leichtigkeit sind. Mit weißer Farbe überlagerte Pillenblister ergeben ein scheinbar willkürliches Muster, das bei längerem Betrachten eine Serialität vermuten lässt, Verfügbarkeit und Regelmäßigkeit des Verbrauchs schreiben sich hier in die Oberfläche ein, die noch Spuren trägt von einstigen Konsumenten, Eindrücke des Blisters wie Fingerabdrücke in Lack. Varianz ergibt sich über die vorgelagerten Titel, zartrosa Schreibschriftbögen im Kontrast zum steril-technokratischen Hintergrund. the ones that didn’t get paid, the drugs I could never have und the pills I never wanted zeugen von der Omnipräsenz der Thematik, ohne dabei wertend in eine Richtung auszuschlagen, sie erzählen von Missbrauch ebenso wie von Unterversorgung oder fehlerhafter Medikation:

Die Pille wird zum Synonym für den Wunsch nach Veränderung, nach Realitätsverschiebung und -flucht, zum Mittel, das Milderung wie Abhängigkeit verheißt.

Mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Psychopharmaka setzt sich Suschnig explizit in den Arbeiten Follow the shrinks back home sowie Psychotropicum 1200mg auseinander: In scheinbarer Schwerelosigkeit tänzeln drei blisterbesetzte Pfähle durch den Raum, entwickeln ihre eigene Performativität, neigen sich dem Betrachter entgegen. Doch der Schein trügt: was mühelos anmuten mag, zeugt vielmehr von einem Verfall und Instabilität, der vermeintliche Rest eines Totems als Grundpfeiler einer Gesellschaft. Psychokult und Selbstoptimierung zerlegen ein Ganzes in eine radikale Individualität. Fratzenhaft starren die Masken der Einzelnen von der Wand, gänzlich durchdrungen tragen sie Reste des Medikamentenverbrauchs wie ein Mal auf der Stirn, ein Schutzschild, das nach Innen wirkt, eine Zier wie Pockennarben. Die Maske wird zum verfremdenden Element, ein Ort gewähnter Sicherheit aber auch der Abschottung, sie ist Zierde wie Käfig zugleich.

Nicht verdeckt sondern blank sind sie ausgestellt, die seelischen Schmerzen, aufgereiht, akribisch, zweitausendzweiundsiebzig an der Zahl, für jede Verletzung ein Rosendorn. Dolor omnis, aller Kummer, zieht Bilanz, kategorisiert, gibt nüchtern zur Betrachtung frei. Wie Schmetterlinge in Schaukästen aufgespießt wenden sich die Dornen gegen den Betrachter. Das Werk birgt einen Moment der Reflexion, der Wiedererkennbarkeit, des Selbstbezugs. Und so stellt auch Suschnigs zweite Dornenarbeit bewusst die Frage Where have all the roses gone? Die Selbstreferenzialität zeugt von der Inhärenz des Schmerzes. Wie die Rose Trägerin ihrer Dornen so ist auch das Lebewesen nicht frei von Kummer.

Geht man weiter, verlässt man die Oberfläche. Wie ein Körperinneres wirft sich der Raum auf, dunkler, schwerer, von warmer, kraftvoller Materialität. Wie ein Weg schieben sich die sieben goldenen Spiegel von der Wand auf den Boden, finden Erdung, Halt. Bedruckt mit Bildern von Magenspiegelungen, zeichnet die Installation In my guts den Weg einer Verdauung nach, tief hinein in das Innere des Menschen, vorbei am Sonnengeflecht, hin zu einem Ort der Ruhe und des Bauchgefühls. Der Spiegel als Möglichkeit der Selbsterkenntnis, der Doppelung, der eigenen Wahrnehmung, dessen Oberfläche den Betrachter auf sich selbst zurückwirft. Das Selbstbild erobert das Fremdbild zurück, tritt ihm entgegen und vereinigt sich mit ihm.

Dem lichten Moment eines Selbstbewusstseins stellt Suschnig die Arbeit After every conflict I die entgegen. Die Motive, auf Spiegeln gedruckt noch von einer durchscheinenden Transparenz, verkrampfen sich auf Blei in wellenartiger Abstraktion. Angeordnet wie Kontinente, schweben sie an der Wand, lose und doch zusammengehörig ergeben sie ein Ganzes, bilden Gestaltungen wie Herz, Magen, Gedärm aus. Der Mensch als die Summe seiner Organe, erfahr- und beschreibbar wie über eine Weltkarte. Ein sich zusammenziehender Schmerz. Leiden wie die Verschiebung von Kontinentalplatten.

Für ihre Ausstellung Drugtales in der Galerie ARCC.art hat Suschnig eine komplexe Werkserie geschaffen, die Plastik, Malerei, Grafik und Skulptur konzeptuell miteinander verbindet. Inspiriert von der Vorstellung der menschlichen Psyche als ein oft unterdrückter Organismus, einer Art Urtier, das als Rezeptor das täglich Erlebte filtern und reflektieren muss, zeigen die Arbeiten die scheinbar unsichtbaren Bewegungen dieses Tieres, das im schnelllebigen Alltag immer lauter aufzuschreien beginnt. Es entstehen Bildobjekte, die als Zeugen zum Betrachter zu sprechen scheinen und welche die psychischen Verhältnisse von Mensch, Raum und Gesellschaft erforschen.

Die Schau Drugtales von Veronika Suschnig eröffnet sich über den Raum. Die Künstlerin versteht es, über ein Spiel mit Farbcodes und Materialeinsatz eine atmosphärische Aufladung zu generieren, die stets auf das Sujet des Medizinischen verweist, ohne dabei abweisend oder steril zu wirken. Vielmehr verdichten sich die verwandten Kittel, Dornen und Pillenblister hin zu einer Dreidimensionalität, die über den Wirkungsraum des Kunstwerks hinaus verweist und den Betrachter bewusst in die Deutungshoheit integriert. Themen wie psychisches Leid oder Medikamentenkonsum werden nicht abstrakt wertend diskutiert, sondern in einem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang verortet. Der Rezipiert wird somit zugleich zur Angriffsfläche der künstlerischen Arbeit, sei es von zarten Dornen an seine eigene Verletzbarkeit erinnert oder über güldene Spiegel seinem Fremdbild gegenübergestellt, das es zu erobern gilt. Der Mensch als seelenhaftes Wesen wird in seiner Gesamtheit thematisiert, in seiner scheinbaren Schwäche, Verführbarkeit und seinem Narzissmus wie auch in seinem Bedürfnis, stark, verbunden und eins zu sein.

Die Theaterwissenschaftlerin Claudia Breitmayer traf die Künstlerin im Februar 2018 zum Gespräch über ihre erste große Solopräsentation. Der Text zur Ausstellung Drugtales erschien im darauffolgenden Monat.

Claudia Breitmayer